Alle Jahre wieder…
Alle Jahre wieder…..
wird in Sachsen und ganz Deutschland diskutiert, an wievielen Sonntagen man nun einkaufen darf und wann nicht. Und alle Jahre wieder meldet sich eine Allianz vehement dagegen zu Wort, die ansonsten nicht immer deckungsgleiche Ansichten vertritt: Es sind dies einerseits die Kirchen und andererseits die Gewerkschaften und die linken Parteien.
Die Kirchen berufen sich dabei auf das Gebot der Sonntagsruhe. Das kann ich als Christ uneingeschränkt akzeptieren. Ich halte es selbst ein und würde sonntags weder einkaufen gehen, noch die in Sachsen neu gewonnene Freiheit nutzen, mein Auto zu waschen. Als Liberaler widerstrebt es mir allerdings, meine sehr persönliche Haltung zur Sonntagsruhe anderen aufdrängen zu wollen. Insofern passen Christentum und Liberalismus gut zusammen, und ich bin froh, dass die Kirchen zur Sonntagsruhe aufrufen, sich dies aber nicht in Form politischen Handelns bemerkbar macht.
Nur am Rande sollten wir dabei auch einen Blick über unsere östliche Landesgrenze werfen: In Polen haben nahezu sämtliche Geschäfte sonntags geöffnet, und es gibt deutlich weniger kirchliche Feiertage als bei uns. Dort sind 95% der Bevölkerung in der Kirche und 75% praktizierende Christen- Werte, von denen wir in Deutschland Lichtjahre enfernt sind. Der Untergang des Christlichen Abendlandes hängt demnach nicht unbedingt mit den Ladenöffnungszeiten zusammen.
Was mich allerdings wütend macht, ist die Erklärung der Gewerkschaften: Heute ließ eine ver.di-Funktionärin verlautbaren, es sei den Verkäuferinnen und Verkäufern nicht zuzumuten, auch noch sonntags zu arbeiten.
Als Hotelier frage ich mich jetzt, was an einer Verkäuferin so besonders ist, dass es ihr nicht zugemutet werden kann, 3 (in Worten: drei) Sonntage pro Jahr zu arbeiten – also etwas zu tun, das für mich und meine Kolleginnen und Kollegen an 52 Sonntagen pro Jahr selbstverständlich ist. Zumal diese Verkäuferin Heiligabend abends, an den beiden Weihnachtsfeiertagen, Silvester abends und Neujahr zuhause bei ihrer Familie ist, während wir zu dieser Zeit wie selbstverständlich für unsere Gäste da sind. Und mit uns Krankenschwestern, Ärzte, Feuerwehrleute, Polizisten, Pflegekräfte, Taxifahrer, Busfahrer, Piloten, ….
Ich frage mich dann auch, warum z.B. der SPD-Parteitag, auf dem es vor Gewerkschaftern nur so wimmelte, erst sonntags endete, obwohl man ihn auch einen Tag früher hätte enden lassen können. Zumindest in meinem Hotel gab es am Sonntag beim Frühstück keine wütenden Proteste, weil der Kaffee von Mitarbeitern serviert wurde, denen doch an diesem Tag das Arbeiten nicht zugemutet werden kann.
Ich frage mich, warum die Gewerkschaften hier offensichtlich in Arbeitnehmer erster und zweiter Klasse einteilen. Das ist für mich praktizierte Apardheit.
Ich frage mich schlussendlich, warum die Gewerkschaften in einer Branche, die zum Teil um ihr Überleben kämpft (siehe Karstadt), gegen zusätzliche Schichten kämpft, die Arbeitsplätze schaffen oder zumindest erhalten.
Liebe Gewerkschafter! Falls dieser Protest gegen die Sonntags-Öffnungszeiten des Handels wirklich ernst gemeint war und nicht nur ein Versuch, zu zeigen, dass Ihr doch noch in der einen oder anderen Frage Einfluß nehmen wollt (in der Frage des Mindestlohns habt Ihr diesen ja mangels Masse an die Politik abgetreten) folgende Bitte: Bleibt sonntags zuhause, geht bitte nicht essen oder in eine Kneipe. Falls Ihr verreisen wollt, auf keinen Fall fliegen oder den Nahverkehr nutzen. Bei Fahrten mit dem Auto, nur solange die Tankfüllung reicht. Wenn Ihr im Urlaub seid, putzt am Sonntag Euer Zimmer selbst und macht Euch selbst das Frühstück. Schaltet sonntags weder Radio noch Fernsehen ein (auch dort muss gearbeitet werden) und regt Euch nicht auf, wenn es plötzlich dunkel und kalt wird, weil sich niemand um die Energieversorgung kümmert. Und wenn Ihr älter seid und Hilfe braucht, verzichtet sonntags auf den Pfleger und bleibt lieber einen Tag in Eurer Sch… liegen. Dann ist Euer Engagement für die Verkäuferinnen glaubwürdig – ansonsten ist es pure Heuchelei.
Seit heute dürften Sie sich ja als Befürworter der vier verkaufsoffenen Adventssonntage Verfassungsbrecher nennen. Hoffentlich ermittelt nicht schon der Verfassungsschutz gegen Sie.
Um gar keine “praktizierte Apardheit” aufkommen zu lassen, gibt es für mich nach der Lektüre Ihrer Zeilen nur einen Schluss: Sonntagsarbeit für alle. Was spricht dann dagegen? Das bisschen Grundgesetz bekommen wir auch noch geändert. Und die ewig gestrigen Gewerkschaften sind auch bald tot.
Verfassungsbrecher bin ich als Hotelier ja ohnehin. Dass ich auch noch zum Verkaufen aufgerufen habe, macht die Sache nicht besser – hätte nie gedacht, dass man so schnell in die Mühlen der Geheimdienste gerät.
Sie finden das wohl lustig. Ich habe durchaus meine Probleme mit Leuten, die mit frohem Mut unser Grundgesetz aushöhlen.
Damit auch Sie das verstehen (tun Sie vermutlich, Sie stellen sich nur blöd): Als Hotelier sind Sie kein Verfassungsbrecher, wenn Sie für Ihre Tätigkeiten “einen dem Sonntagschutz gerecht werdenden Sachgrund haben.” (BVerfG) Wenn aber die Geschäfte an allen Adventssonntagen geöffnet haben, ist das ein Verfassungsbruch da: “Bloße wirtschaftliche Interessen von Verkaufsstelleninhabern und alltägliche Erwerbsinteressen der Käufer für die Ladenöffnung genügen [als Sachgrund] grundsätzlich nicht.” (BVerfG)
Sie können ja so liberal sein wie Sie wollen. Aber an das Grundgesetz müssen auch Sie sich halten.