Respekt
Heute ist Margot Käßmann zurückgetreten, obwohl  ihr die EKD einstimmig das Vertrauen ausgesprochen hat. Diese persönliche Entscheidung verdient Respekt. Damit hat Margot Käßmann Größe bewiesen. Heinz Eggert, ein lieber Bekannter und Ex-Innenminister Sachsens, hat einen bemerkenswerten Kommentar dazu geschrieben.
Dass es auch anders gegangen wäre, zeigt das Beispiel des Ex-CSU-Generalsekretärs Otto Wiesheu, der 1983 im Suff den Rentner Josef Rubinfeld tödlich verletzte. Dass Rubinfeld sich auf dem Weg in seine alte Heimat Polen befand, wo nahezu seine ganze Familie in Auschwitz umkam, macht diesen Unfall umso tragischer.
Wiesheu trat als Generalsekretär zurück, behielt aber sein Landtagsmandat, wurde 1993 ausgerechnet Verkehrsminister  und erhielt schlussendlich einen gut dotierten Vorstandsposten bei der Bahn AG.
Was Margot Käßmann gerade persönlich durchmacht, kann ich ansatzweise nachvollziehen, da ich 2002 den gleichen Fehler begangen habe. Zwar hatte ich deutlich weniger Promille im Blut, aber dafür endete die Fahrt nach mehrmaligem Überschlagen meines Autos schwer verletzt in der Dresdner Uniklinik.
Die eigentliche Strafe war dabei nicht ein sechsmonatiges Fahrverbot und nicht der Strafbefehl im fünfstelligen Bereich. Nicht einmal die öffentliche Berichterstattung, die in meinem Fall –im Gegensatz zu Käßmann- auf die Lokalpresse beschränkt war.
Wenn man auch nur ein halbwegs funktionierendes Gewissen hat, quält einen nach einem solchen Fehler die Erkenntnis, dass man dazu in der Lage ist, leichtfertig das Leben und die Gesundheit anderer Menschen aufs Spiel zu setzen und in gewissen Momenten eine Verantwortungslosigkeit zu zeigen, derer man sich nicht bewusst war. Eine durchaus schockierende und schmerzliche Selbsterkenntnis einerseits, aber auch ein Anstoß, daran etwas zu ändern.
Ich für meinen Teil habe daraus die Konsequenz einer persönlichen 0-Promnille-Grenze beim Autofahren gezogen. Margot Käßmann, die schon viele Diskussionen initiiert hat, trägt vielleicht nun dazu bei, eine Diskussion über eine 0-Promille-Grenze in Deutschland in Gang zu bringen. Autofahren und Alkohol trinken gehören ebenso wenig zusammen wie Sex und Zeitung lesen. Das ist wohl keine liberale Position – aber sie könnte dazu beitragen, vielen unschuldigen Menschen das Leben zu retten.
Wenn die (evangelische) Kirche mehr charismatische Käßmanns hätte, wäre der Verlust vielleicht nicht so dramatisch. Auch wenn es schon zu einer Worthülse mutiert: “Respekt” ist das richtige Wort für ihre Entscheidung.